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Guardian Heroes – Hype, Trash oder Juwel?


Über Treasure wird ja immer wieder viel diskutiert, die einen meinen, die Titel seien komplett overhyped, die anderen vergöttern sie bis zum Umfallen! Entweder man liebt sie oder eben nicht. Zwischendrin gibt es wenig Spielraum.

Ist man sich immerhin bei Erstlingswerk Gunstar Heroes (1993), Kult-Shooter Radiant Silvergun (1998, ab 2011 auf XBL) und dessen (Quasi-)Nachfolger Ikaruga (2001, neben Gamecube auch XBL) und Astro Boy: Omega Factor (2004, Future Classic @ Retrogamer?) weitestgehend einig, dass diese Perlen zurecht bejubelt werden, so sieht das bei Spielen wie Alien Soldier (1995), Guardian Heroes (1996), Mischief Makers (1997) und Sin and Punishment (2000) schon wieder anders aus… Zeit, sich mal einen der Titel mal genauer anzusehen: Guardian Heroes!

Was musste ich damals in der Zeitschrift Videogames (7/1996) lesen:

Videogames Test Guardian Heroes 7/1996

Für mich war klar: Der Titel taugt nichts. Mit dem Saturn hatte ich eh wenig am Hut (gespart wurde für ein N64) und dann noch die recht durchschnittlichen Reviews (auch die Maniac vergab damals „nur“ 64%, ein paar andere Reviews müsste ich nochmal nachschlagen). Der voreilige Schluß: Nicht weiter damit beschäftigen! Dieses schnelle Urteil hat sich erst 10 Jahre später als falsch herausgestellt!

2006. Anfang des Jahres kommt ein Sega Saturn ins Haus. Grund: Saturn Bomberman! Als ehemaliger Atomic Bomberman Veteran am PC (damals noch unter Win95 mit Sidewinder Gamepad und drei weiteren, an dessen integriertem Gameport angestöpselten Pads) musste Nachschub her und schon damals ist mir die Angabe „10-Player Mayhem“ ins Auge gesprungen. Nach dem Kauf des Spiels (gar nicht so günstig) und + Multitaps und 10 Controller war ich natürlich auf der Suche nach weiteren Gründen, die dieses Kabelgewirr rechtfertigen sollten. Nach kurzer Suche bin ich auf Guardian Heroes gestoßen: 6-Player Support! Also nach Reviews geschaut und siehe da, wieder auf den Videogames-Beitrag von 1996 gestoßen, den man sich gern mal durchlesen kann, um dem weiteren Text hier zu folgen. Doch da fangen dann die Unstimmigkeiten an: Bei ‚Spieler‘ steht nur ‚1-2‘, keine Angabe zum 6-Spielermodus!

Im Internet hat sich recht schnell herausgestellt, dass der 6-Spieler-Modus zwar nur „gegeneinander“ funktioniert, aber natürlich im Spiel integriert ist, auch in meiner PAL-Version. Als das Spiel dann also in meinen Händen lag, wurde es gleich mal getestet und ich muss sagen, nach kurzer Einführung ins Chaos-Gameplay stellte sich pure Freude ein! Dazu noch dieser phänomenale 2-Spieler-Coop-Modus, den ich schon seit Jahren in jedem Videospiel der Welt glorifiziere! Aber warum dann diese mäßigen Wertungen???

Meiner Meinung nach kann man sich kein Urteil erlauben, bevor man weder das „Gute“ noch das „Böse“ noch das „Kranke“ Ende (und die vielen anderen auch) gesehen hat. Warum? Weil das Spiel eine gewisse Einarbeitungszeit braucht und gewisse Ansprüche an den Spieler stellt! Auch wenn man meinen würde, das Gameplay würde nicht viel Tiefgang dafür hergeben, so täuscht man sich:

Es ist tiefer, als man im ersten Moment annimmt und das zu beherrschende Chaos ist die Herausforderung, der man sich nun eben stellen muss oder eben nicht. Ich kann natürlich verstehen, wenn man bei Guardian Heroes vorher schon abwinkt und sich genervt fühlt: Alles ist hektisch, schnell, undurchsichtig und im ersten Moment überladen. Doch genau das ist der Reiz des Gameplays, den man erst nach intensivem Spielen versteht und zu zweit dann sogar perfektionieren muss! Es geht darum die drei Ebenen zu nutzen, taktisch klug vorzugehen und strategisch die Gegner auszuschalten. Das mag im ersten Moment überheblich und wenig logisch klingen, wenn man sich das Spektakel auf dem Schirm anschaut – aber es ist die einzige Möglichkeit zu verstehen, warum Guardian Heroes mehr ist, als nur ein dumpfes, chaotisches Prügelspiel mit Rollenspielelementen.

Die fehlende Steuerbarkeit als Kritikpunkt verstehe ich bis heute nicht. Das Auge lernt bei diesem Spiel, dass es ständig die Umgebung beobachten muss. Die Spielfigur wird dabei intuitiv gesteuert und kann das Chaos nur dann beherrschen, wenn blitzschnell auf Ereignisse reagiert wird. Das lernt man nicht, wenn man nur kurz drüberfliegt und die ersten, zugegebenermaßen etwas lahmen Levels spielt. Da man die Sidescroll-Prügler aus früheren Zeiten  noch kennt, meint der Spieler, dumpfes Draufhalten, stumpfes Rumgehüpfe tumpes Gekloppe reiche völlig aus – doch er irrt! Treasure ist dafür bekannt, Spielhallengefühle zu verbreiten. Das Konzept ist in der Regel kurz und bündig erklärt, doch der Arcade-Grundsatz „Easy to learn – Hard to master!“ gilt auch hier. Zugegeben: Guardian Heroes ist kein allzu schweres Spiel, aber die Schwierigkeit liegt darin, Spaß am chaotisch erscheinenden Spielverlauf zu bekommen. Und das geschieht nur dann, wenn man die Vielschichtigkeit des Spiels zu schätzen weiß. Dadurch werden taktische und strategische Spielweisen belohnt, obwohl diese im ersten Moment völlig ausgeschlossen erscheinen. Doch wer hier angelangt ist, dem werde ich nichts Neues mehr erzählen können. 😉

Natürlich hat Guardian Heroes seine Schwächen, die Story ist belanglos, die Textpassagen nerven, die Rollenspielelemente könnten ausgeprägter sein und trotz der vielen Wege und Enden bleibt Guardian Heroes über weite Strecken das gleiche Spiel. Man schlachtet Gegnerhorden, vermöbelt Obermotze und folgt weiter dem Spielverlauf, ähnlich wie in vielen artverwandten Spielen auch. Doch wer das Spiel beherrscht, der kann nicht genug davon bekommen – abwechslungsarm ist Guardian Heroes beleibe nicht! Dazu zählen die unzähligen spielbaren Charaktere (im Multiplayer-Modus mutiert das Spiel komplett zur Klopperei im Stile von Smash Brothers oder Power Stone, nur mit noch mehr Hektik),  die wunderbar gestalteten Levels und der klirrende Sound, der zwar nicht heraussticht, aber meiner Meinung nach gut zum Geschehen auf dem Schirm paßt (auch wenn die Musik da etwas abfällt).

Was ich aber auf jeden Fall noch ansprechen möchte, ist die technische Diskussion zum Spiel. Guardian Heroes kam in einer Zeit heraus, als alle Welt im 3D-Wahn war: NexGen – 3D-Gaming – Polygone… Wenn ein Spiel auf einer 32-Bit-Konsole das nicht bieten konnte (z.B. Clockwork Knight (1994/1995), dann wurde es im Prinzip von vorn herein als altbacken bezeichnet, ja teilweise sogar grundlos verrissen! Bei Guardian Heroes ist das nicht anders (um mal Switch Reloaded und „Die Pörse“ zu zitieren. 😀 ), zumindest was die technische Interpreatation angeht. Natürlich werden „nur“ 2D-Sprites (1996 war das ja ein Unwort: „Ohje! 2D-Bitmaps! Wie kann man sowas nur noch verwenden???“) rotiert, gezoomt und gedreht, was das Zeug hält und Segas Saturn kommt immer wieder deutlich ins Schwitzen. Trotzdem sieht man auch hier wieder: Der Titel altert deutlich weniger schnell als viele seiner Konkurrenztitel der damaligen Zeit!

Sieht ein Ridge Racer oder Daytona USA heutzutage grausig aus, weil sich im 3D-Bereich einfach viel getan hat, so überzeugt Guardian Heroes immer noch – solche 2D-Orgien kennt man bisher nur aus Neo*Geo-Titeln und Saturn-Klassikern wie X-Men: Children of the Atom oder Dragon Force und man muss zugeben: Solche 2D-Titel versprühen heute noch Charme und wirken höchtens genauso „altbacken“ wie damals – im Gegensatz zur 3D-Übelkeit mit ploppenden Texturen und Polygonen! Das man das Spiel 1996 technisch kritisch sah, ist damit nichts Neues – trotzdem hätte ein objektiver Tester erkennen müssen, dass 2D-technisch gesehen alle Register gezogen wurden. Die schiere Anzahl an Sprites ist an sich schon überwältigend, hinzu kommen aber die abwechslungsreichen Levels, die Ebenen, die feinen Hintergründe an sich und die tollen Spezialeffekte. Selbstverständlich pixeln Sprites, wer hätte was anderes gedacht? Gerade auf einer Konsole wie dem Saturn, welches keinerlei bilineare Filterung von Texturen oder Objekten beherrscht. Ist das schlimm? Nein. Wenn man sich damit abfindet und das ist objektiv gesehen auch kein Grund, beim Nintendo DS stört es ja auch nicht unbedingt, wenn man weiß, dass die Hardware diese Technik nicht beherrscht!

Desweiteren wurde in vielen Reviews nie was zum Grafikstil gesagt. Natürlich ist es Geschmackssache, doch der liebevoll animierte Stil sollte wenigstens erwähnt und nicht mit „billig“ abgestempelt werden. Mir scheint, als hätten damals viele Tester das Potenzial beim Anspielen nicht erkannt, auch wenn man vorhalten kann, dass der 3D-NexGen-Hype in vollem Gange war. Im Coop bleibt das Spiel ein Juwel, der 6-Spieler-Kloppereimodus kann es mit Genre-Größen wie Smash Brothers oder Power Stone aufnehmen (auch wenn hier nicht der Hauptaugenmerk der Entwickler lastet und die Optionen doch sehr begrenzt sind) und ist gefundenes Fressen für überzählige Saturn-Pads und Multitaps.

FAZIT: Wer sich auf das Spiel einläßt, weiß, warum Treasure manchmal so gehypt wird (und ja: Es gibt auch Treasure-Games, die ich überhaupt gut finde, nicht alles ist bei denen wirklich ein Schatz). Von der trashigen Grafik (Stichwort: „billig“) auf keinen Fall blenden lassen, wobei heutzutage der Charme ganz klar überwiegt und die comicartige Darstellung wieder (oder immer nich) zu gefallen weiß. In Deutschland wurde es wahrscheinlich viel zu schnell als unkontrollierbares Spektakel abgestempelt, wenn ich das mit den Wertungen aus dem anglo-amerikanischen Raum vergleiche. Allein die verschiedenen Wege und Charaktere bringen einen hohen Wiederspielwert mit, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Spielen des Genres. Um also die Titelfrage zu beantworten: Guardian Heroes ist zurecht Hype (wer dazu einen Hype-Test lesen will, sollte mal in die entsprechende CVG reinschauen) und auf jeden Fall ein Juwel, denn viele Spiele dieser Art gibt es nicht – um nicht zu sagen: Guardian Heroes ist einzigartig (auch wenn es eine doch recht mäßige Gameboy Advance Version gibt)!

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PRO | KONTRA:


+ Äktschn!

+ Sprite-Gegnerhorden
+ Coop-Gameplay
+ 6-Spieler Mulitplayer-Modus
+ viele unterschiedliche Wege
+ mehrere Endsequenzen
+ 2D-technisch gesehen genial
+ Toller Beat ‚em Up / RPG-Mix
+ einzigartiger Stil
+ sehr viele spielbare Charaktere (45 an der Zahl)
+ Undead Hero rockt! 🙂

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– teilweise sehr hektisches Gameplay
– Story belanglos – Texte können nicht übersprungen werden
– Musik düdelt vor sich hin
– Steuerung benötigt eine gewisse Einarbeitungszeit
– Saturn geht hin und wieder in die Knie (PAL-Version)

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Musik: 7/10
Grafik
: 8/10
Gameplay
: 9/10
Multiplayer: 9/10
Playfun (Gesamtwertung): 9/10

[1: sehr schlecht | 2: schlecht | 3: mies | 4: schwach | 5: mäßig | 6: durchschnittlich | 7: gut | 8: sehr gut | 9: super | 10: Meilenstein]

__________________________

Entwickler: Treasure Ltd.
Herausgeber: SEGA Enterprises Ltd.
Erscheinungsdatum: 25. Januar 1996 (Nordamerika) | 26. Januar 1996 (Japan) | 24. April 1996 (Europa)
Plattform
: Sega Saturn
Genre: Sidescroll Beat ‚em Up (mit RPG-Elementen)
Spieler: 1-2 (2-6 Multiplayer via Multitap)
Version
: PAL (50 Hertz)
Sprache
: Englisch
USK: ab 16 Jahren (warum auch immer 😉 )

Preis: ~30 Euro (gebraucht, ordentlicher Zustand)

Update 28.03.2011: Es gibt übrigens eine Online-Petition zum Spiel für das Playstation Network und Xbox Live Arcade. In der Regel bringen diese Petiotionen recht wenig. Das Spiel bleibt weiterhin Saturn exklusiv.

Update 05.05.2011: Und so kann es gehen: Wie schon Radiant Silvergun so kommt auch Guardian Heroes auf XBL heraus! PSN ist wieder einmal draußen – nach dem letzten Datenskandal aber auch kein Wunder, wenn das Vertrauen sinkt.

Update 23.11.2011: Ha! 🙂 M!Games vergibt nun 8/10! Fazit:

Aufwändige und gelungene Modernisierung der pfiffigen Sidescroll Klopperei.

Soso, damals wurde der Titel noch mit lächerlichen 64% abgewatscht, jetzt heißt es „Chaos gehört zum Spielprinzip“. 😉 Nun denn, vielleicht ist es ja sonderlich gut gealtert. Lesenswert ist noch das Co-Optimus-Review zum Coop-Modus:

Play through the full story mode as a team either locally or online. With five characters to choose from (the fifth must be unlocked by beating the game on Normal first) and numerous paths to take, co-op has lots of replay value. Just make sure to choose Easy difficulty or your team will likely run out of lives before reaching the end.

Man sollte noch die Besonderheiten der HD-Version hervorheben:

  • 16:9-Modus in AFAIK 720p
  • Original-Grafikmodus-Option
  • gefilterte Grafiken (hqx)
  • verbesserte Steuerung
  • 12-Spieler-Versus-Mode (Saturn konnte „nur“ 6, dafür gehen bei der X360 technisch bedingt nur 4 offline)
  • Online-Gaming
Kategorien:Reviews, Videospiele
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 11. März 2013 um 13:50

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