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Über gebrauchte Spiele und die neuen Konsolen


Hach, waren das noch Zeiten: Ich bin in einen Laden gegangen, habe mir ein Spiel gekauft, es in meine Konsole gelegt und wenn ich genug davon habe, konnte ich es auf dem Trödelmarkt oder im Internet verkaufen. Was in Zeiten von „Apps“ und Online-Distributionen wie nach vergangenen Tagen klingt, wird in den kommenden Jahren noch mehr zur Nostalgie: Wir kaufen in Zukunft keine Spiele mehr, wir erwerben Nutzungsrechte!

Die Hersteller der Konsolen und die Publisher wollen gemeinsam „ihren Content“ sichern. D.h. man kauft sich ein Recht, den Inhalt auf einem billigen, optischen Medium zu aktivieren (oder lädt gleich online herunter) und ist auf Gedeih und Verderb davon abhängig, dass die Plattform weder ausstirbt noch der Zugang deaktiviert wird. D.h. wir kaufen im Laden eine Disc und verbinden es mit unserem Online-Konto (Steam, Origin, XBL, PSN,…). Willkommen in der neuen, tollen digitalen Konsumwelt! Doch wo führt das hin?

Pöhse Gebrauchtspiele

Während man bei EA den Online-Pass wieder abschafft, weil es in Zukunft systematische DRM-Modelle geben wird, sind Gebrauchtspiele-Spieler weiterhin die „Feinde der Konsumgesellschaft“ (Vgl. Kritik daran von Michael Pachter). Interessant ist dabei:

Microsoft scheint derzeit selbst keine Ahnung zu haben, wie Gebrauchtspiele auf der Xbox One laufen und wie generell verfahren wird, wenn ein Nutzer sein Spiel bei einem Freund spielen will. Es kann nur abgewartet werden, bis es eine offizielle Pressemitteilung von Microsoft gibt, die für Klarheit sorgen wird. [Quelle Kotaku via Gamefront.de]

Sony läßt sich diese Türe offen, auch wenn Gebrauchtspiele erst einmal nicht geblockt werden sollen. Warum auch? Man will ja schließlich mitverdienen und statt eines herstellereigenen „Online Pass“, führt man einfach einen plattformabhängigen „Online Pass“ ein. D.h. dann für die Zukunft:

Spiele mit Verfallsdatum, Online-Abos für Serienreihen wie FIA, NFL, NBA, Call of Duty, DLCs, die in Episoden zusammengestellt werden, automatische „Sicherheitspatches„, wenn die Konsole schläft, Free2Play bzw. Pay2Win, Aktivierungsgebühren für gebrauchte Spiele und generell viel mehr „Online Experience„, also Spiele, die ohne anständigen Online-Modus schon gar nicht mehr entwickelt werden (Vgl. Multiplayer als Singleplayer-Killer).

Dazu kommen dann Streaming-Dienste (Gaikai, OnLive), die es uns ermöglichen, Spiele überhaupt nicht mehr zu kaufen, sondern Abos für „Cloud-Gaming“ abzuschließen (Vgl. Gerüchteküche – Wann brauchen wir eine neue Konsolengeneration?).

Die Disc ist dann nur noch ein Medium, dass die Daten trägt (sozusagen ein Datenträger 😉 ) und aktiviert wird das ganze über einen Account und einen Code. Ob Microsoft oder Sony dann T-Online-Premium-Kunde werden, damit das beschränkte Volumen (Vgl. T-Home) nicht sinkt, bleibt abzuwarten. Aber die Kommunikationsanbieter wollen am „Content“ natürlich mitverdienen und wenn Vielspieler viel runterladen, dass interessiert das natürlich massiv!

Praktisch: Man könnte Spiele eventuell nur dann aktivieren, wenn man ein Abo abschließt. Oder man könnte ein Spiel nur dann spielen, wenn eine Online-Verbindung besteht, die permanent den Code/Account überprüft. Es wird ja eh schon alles aufgezeichnet, was man in den Spielen so alles macht. Und wer einen „Offline-Modus“ will, könnte dafür zahlen. Warum denn nicht?

Weg mit den nervigen Rechten!

Dieses System wird funktionieren, so lange die Leute bereit sind, ihre Rechte abzugeben und ohne mit der Wimper zu zucken AGBs und Nutzungsbedingungen zu akzeptieren. Dort kann man reinschreiben:

„Wenn du unsere Konsole nutzen willst, dann erhälst du nur ein Recht, sie zu unseren Bedingungen zu nutzen.“

Ergo: Wir sagen DIR, wie DU zu spielen hast. Du drückst ALLE Rechte ab und wir geben dir, was WIR für richtig halten. Natürlich nur im Sinne des Spielers… Begründung:

„Zur Sicherheit unseres Contents, damit wir unseren Partnern eine sichere Plattform zur Verfügung stellen können!“

Jeder Gamer, der nun das neue Gran Turismo, das neue Call of Duty, das neue Halo etc. spielen will, wird dies akzeptieren. Was will man auch anders machen? Oder man wird warten, bis die Konsole gecrackt wird, denn der Anreiz steigt immer weiter an, frei nach dem Motto: „Challenge accepted!!!“ Wie wir wissen, war zumindest Sony auch mal auf einem anderen Weg und nannte das System „Open Platform„.

Her mit dem unüberblickbaren Medienkonsum!

Das ist Schnee von gestern, denn die Zukunft geht in die Richtung „Massive Digital Content Consumption“ (MDCC): Kaufen, was das Zeug hält, wann immer du willst, 24h/7 Tage die Woche. Und kaufe die Inhalte am besten doppelt und dreifach, dafür gehen wir mit den Preisen runter.

Man weiß ja sowieso nicht mehr, ob man mal Content XY bei einem „Sale“ oder „Publisher XY Paket“ schon erworben hat und dann aktiviert man es halt nocheinmal auf einer anderen Plattform, was solls. Die Hersteller umgehen damit die lästigen Händler und können das Ganze mit ihren eigenen Diensten (Film, Musik, Apps,…) verbinden. Hauptsache, man hat die Kreditkartendaten eingegeben und bestätigt diese wann immer man dazu aufgefordert wird (Micro-Payments, In-Game-Buying, DLCs,…).

Konsum, Konsum, Konsum. Egal was, hauptsache man hat hier noch was gekauft und da noch ein Add-On geladen, was man eh nicht spielt. Und wenn, dann kann der Gamerscore gepuscht werden, mit welchem man weitere „Bonus-Gegenstände“ (Vgl. Xbox Rewards) kaufen kann.

Retro am Ende… ???

Für einen Retro-Spieler der blanke Horror! Klingt das nun zu sehr nach „früher war alles besser!“ oder naiver Konsumkritik? Das wäre zu einfach (S. Die 10 nervigsten Trends des Spielemarkts)! Es ist vielmehr die Skizzierung der zukünftigen Nutzungsgewohnheiten und stellt einen massiven Bruch der bisherigen Geschäftsmodelle dar. Daran werden Gamer noch zu knabbern haben.

Es werden neue Spieler hinzukommen, keine Frage. Sie werden die Vorteile zu schätzen wissen, überall und zu jeder Zeit an alles heranzukommen – so lange man zahlt. Sie werden sich daran gewöhnen, weil man es so schon von mobilen Endgeräten gewohnt ist. Warum also dieser wehmütige Unterton?

Weil Retro-Gaming für neuen Content damit am Ende ist! Wir können jetzt noch nicht begreifen, was es bedeutet, weil wir noch zu wenig Erfahrung damit haben, zu welchem Preis wir unser Hobby verkaufen! Später einmal ein PS4 Spiel zocken? Nö. Geht nicht mehr. Ist „abgelaufen“. Xbox-DLCs? Online-Gaming mit Burnout 3, weil mal wieder ein LAN-Modus gekappt wurde? Niet.

Man kann das Spiel aber vielleicht als Streaming-Content auf der nächsten Plattform „abonnieren“ und den „Nutzungszeitraum“ selbst wählen: Ein Tag 1,99€, Eine Woche 6,99€, ein Monat 14,99€ und 19,99€, wenn man es „ganz“ kauft. „Ganz“ heißt dann: So lange die Konsole diesen Dienst anbietet! Man kauft sowieso nichts mehr, man kauft nur „Nutzungsrechte„. Und Nischenspiele oder Spiele von Entwicklern, die Pleite gegangen sind, braucht man dann auch nicht mehr suchen (Vgl. No One Lives Forever Rights?).

Und wer jetzt einen Account  einrichtet und unzähliges Geld investiert, der wird so schnell nicht mehr wechseln. D.h. als Hersteller muss man JETZT handeln, damit die Spieler ihren Content auch in Zukunft auf einer bestimmten Plattform zocken werden. Es ist unwahrscheinlich, dass man parallel mehrere Systeme nutzen wird, die sich nur in wenigen Spielen unterscheiden, wenn sich der restliche Medienkonsum (Musik, Filme, Apps,…) sowieso ähneln wird (Vgl. iTunes und PlayStore).

Heißt: Multiplattform, Fortsetzungen, „etablierte“ Konzepte. Ja nichts Neues versuchen, man könnte die Kunden vergraulen. Der Mainstream ist der Kunde. Ob das in Zukunft auch so bleiben wird, darf man bezweifeln (Vgl. Warum Sequels den Videospielmarkt dominieren – Zukunft des Gaming).

Wohin des Weges?

Ich hätte nicht gedacht, dass der PC irgendwann mal wieder zu meiner Lieblingsplattform wird. Steam ist mir bis heute befremdlich, auch wenn ich einen Account habe, aber bei GOG oder dedizierten Indie-Plattformen geht mir ein Herz auf. Bei GOG werden noch Spiele für Spieler angeboten (ja, auch Neue!), hier kann ich kaufen und es ist „meins„, ich kann es auf eine USB-Platte kloppen, offline spielen, auf andere Geräte kopieren, es knuddeln und installieren, deinstallieren und nochmal installieren. DRM-Free. Ich hätte nie gedacht, dass dieses Feature in Zukunft so sehr mein eigenes Hobby beeinflussen soll.

Für Pro Pinball fand sich kein Publisher mehr. Also wird es in Zukunft über Kickstarter versucht.

Für Pro Pinball fand sich kein Publisher mehr. Also wird es in Zukunft über neue Kanäle versucht.

Vor allen Dingen: Ich kann spielen, was ich will und so wie ich will, inkl. Modifikationen. Was ich nicht kann: Es wieder verkaufen (wobei es dazu schon Diskussionen gibt, siehe Steam). Dafür kann ich mich im Vorfeld darüber informieren, was es ist und wie es ist. Es sind eigenständige Werke, die ohne DLC-Wahn und In-Game-Buys aufgewertet werden müssen. Zumindest in der Mehrzahl der Titel, wenn man an die DLC-Katastrophe von Omerta denkt.

Wer schon immer mal geträumt hat, welche Spiele er auf eine Insel nehmen wird, der könnte bald schon auf dieser Insel leben und all das zocken, was über die Jahre für das Regel gesammelt wurde. Intensiv. Und ohne Social-Media-PopUps. Old-School eben!

Klingt das zu nostalgisch? Klingt das zu elitär? Nein. Indie/Retro-Spiele sind einfach eine wichtige Form des Gamings. Sie verteidigen das Festhalten an Kreativität, an guten Spielkonzepten, an Nischenspielen, an komplexen Spielideen und an zeitlosen Erfahrungen. Also all das, woran der klassische Konsummarkt derzeit wenig Interesse zeigt

(Wozu kreativ? Die Leute wollen Fortsetzungen! Wozu neue Spielkonzepte? Die Leute wollen Shooter! Wozu Nischenspiele? Zockt doch eh kein Mensch! Wozu komplexe Simulationen? Die Leute wollen Casual-Gaming! Wozu Spiele ewig spielen und modifizieren? Das wollen wir nicht!)

Mehr als Hoffnung!

Doch Kickstarter hat aufhorchen lassen, dass es große Lücken in der Wahrnehmung der Hersteller und Publisher gibt, was das allgemeine Kundenbild angeht. Der Klassiker des unkritischen und undifferenzierten Serien-Konsumenten, der anscheinend nur Fast-Food-Produkte im Fortzsetzungsstil zockt, ist eher (BWL-)Traum als Realität (Vgl. Gewinne mit 3D-Shooter am Ende).

Deshalb gibt es Hoffnung, dass nicht alles nur im Einheitsbrei versinken wird (was im übrigen in allen anderen Mediengenres auch nicht der Fall ist). Der Markt wird auch weiterhin eine anspruchsvollere Zielgruppe bedienen. Denn anders herum: Wer will sich schon Spiele wie BioShock, Fallout oder Deus Ex entgehen lassen?

Die Hersteller und Publisher müssen nur endlich begreifen, dass die Spiele wieder mehr im Mittelpunkt stehen sollten. Der Technikwahn ist irgendwann obsolet, wenn nur noch die Grafik als Verkaufsargument Nr. 1 herhalten soll.

Wer die Präsentationen von PS4 und Xbox One gesehen hat, weiß, was ich meine. Es geht eigentlich vorangig um „Social Media und Marktforschung“ (Vgl. Die PS4 ist da – wer braucht sie?) und die „Verbindung von Multimedia-Inhalten und dem schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen Unterhaltungsformen“ (Zitat 4Players). Dazu Tech-Demos (wer wirklich mal hinter die spannende Kulisse der Technik schauen will, klickt sich mal durch die Slides von GuerillaGames).

Ja sicher: Wir stehen erst am Anfang einer neuen Generation. Aber man muss schon mehr bieten, als nur tolle Technik, wenn ich in der nächsten Generation meine Kreditkarte zu jeder Zeit zücken soll. Denn das alles drum herum geht mir mittlerweile gehörig auf die Nerven. Und da spreche ich nicht als Technik-Verweigerer, sondern als Gamer. Und das scheinen mir einige Hersteller nicht mehr ernst zu nehmen, wenn sie über „High Quality Gaming Experience“ labern…

Aber so lange WIR dagegenhalten (und es darf sich jeder angesprochen fühlen oder auch nicht), so lange wird es für uns „andere“ Spiele und Distributionsmodelle geben, die uns in Zukunft weiter Spaß machen werden.

Kategorien:Artikel, Videospiele
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