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Sterbendes Retro-Gaming: Rechtsstreitigkeiten und ablaufende Lizenzen sind ein Disaster


Das war ja für Retro-Fans ein ärgerlicher Übergang ins neue Jahr: Bethesda/Interplay haben die drei Fallout-Klassiker Fallout, Fallout 2 und Fallout Tactics von diversen Online-Distributionsplattformen wie z.B. GOG.com oder Steam runter nehmen lassen.

Die Spiele wurden vor wenigen Wochen zwar kostenlos zum Download angeboten, aber jetzt ist erst einmal Schluss damit. Hintergrund: Die Rechtsstreitigkeiten zwischen Interplay und Bethesda. Was bedeutet das für uns Retro-Gamer?

Wir können die Spiele nicht mehr erwerben. Zumindest vorerst nicht mehr, denn Bethesda ist anscheinend bemüht, die Spiele wieder veröffentlichen zu wollen.

Aber Fallout ist jetzt lnur ein Beispiel von vielen, denn die Activision Marvel-Spiele gibts vorerst auch nicht mehr, weil die Marvel-Lizenz nur bis Ende 2013 ging. SquareEnix hat „always-online“ Titel Order of War entfernt, obwohl offline Missionen noch gespielt werden könnten.

Wer etwas weiter recherchiert, stößt sicherlich auch auf diese erschreckende Liste: Games removed from sale on Steam

Kein Prey mehr, kein Anno 1404 mehr, Blur weg, weil Bizarre Pleite gegangen ist

Da frage ich mich schon: Wo soll das hinführen? Ja, DRM-freie Spiele sind wunderbar. Man kann sie runterladen, sie müssen im Prinzip nicht „aktiviert“ werden und sind auch nach dem Sterben einer Online-Plattform (wie z.B. Microsofts Games for Windows Live) weiterhin nutzbar. Aber wie schreibt Kotaku so treffend?

One of the advantages of digital distribution is that you’ll never run into a sold out sign – or so we thought. [Quelle]

Wenn Lizenzstreitigkeiten auf den Köpfen der Spieler ausgetragen werden, dann braucht man sich nicht wundern, wenn man wenig Vertrauen in digitale Distibutionsplattformen hat, vor allen Dingen, wenn es keine CD/DVD/Blu-Ray-Alternative gibt: Mein Arcade-Liebling After Burner Climax wurde gekillt, David „God of War“ Jaffes Calling all Cars! wurde 2010 abgemurkst, PGR4 DLC gibts auch nicht mehr, über PGR2 will ich gar nicht erst reden.

Im Prinzip sind download-only Spiele wandelnde Retro-Gaming-Leichen, vor allen Dingen, wenn sie DRM verseucht sind. Wie soll man diese in 10 Jahren zocken, wenn man sie nirgendwo mehr herbekommt? Wenn es zu wenig Enthusiasten gibt, die vehement die Social-Media-Kanäle torpedieren, damit die Spiele doch irgwendwo wieder veröffentlicht werden? Werden nun in ein paar Jahren Konsolen mit digitalen Inhalten auf Festplatten für horrende Preise vertickert, weil es die einzige Möglichkeit ist, noch daran zu kommen? Klingt das absurd???

Bei vielen online-only Titeln könnte man sagen: Macht eh nur dann Sinn, wenn man es sich bei Release kauft und offline hat es keinen spielerischen Wert. Was natürlich unstreichen würde, dass große Publisher nur noch Bock darauf haben, „only-experience Titel“ zum Wegwerfen zu entwickeln (s. mein älterer Beitrag Multiplayer als Singleplayer-Killer?).

Bei vielen Spielreihen ist es ja schon so, man denke nur an die Sportreihen wie FIFA, PES oder NFL. Oder die jährlichen Call of Duty/Battlefield-Updates. Kommt ein neuer Teil, wir der „Alte“ in die Tonne getreten. Wegwerf-Gaming at its best!

Noch haben wir physische Datenträger. Aber auch diese schreien nach Patches, Updates und Online-Checks. Über die Bestseller, Game of the Year Editions und Mainstream-Titel mache ich mir da weniger Sorgen. Die landen dann irgendwann im Fleischwolf und werden als neue Würste verarbeitet. Mit den Zusätzen „HD Collection“, „Anthology“ oder „Remastered“.

Aber was ist mit Quasi-Abandonware von Herstellern wie Bizarre? Was ist mit den völlig unklaren Rechtsverhätlnissen, die immer wieder angesprochen werden, weil Entwickler von Publishern geschluckt werden und diese dann wieder von Konkurrenten übernommen werden? Mir ist auch klar: Irgendjemand hat die Rechte! Aber für was? Für ein Xbox-Game? Ein Xbox-Live-Game? Für wie lange? Und die Sportwagenhersteller-Lizenz? Wie lange hält die eigentlich? Gilt die noch, wenn ein neuer Publisher auf den Plan rückt und „im Paket“ alles übernimmt? Hat Hudson die Bomberman-Rechte an Interplay vergeben, damit das Spiel irgendwann auch online erscheinen darf? Man bedenke: Hudson gehört seit 2012 zu Konami!

Wer denkt da eigentlich noch an die Spieler? An diejenigen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was auf dem Gaming-Tisch landet? Da war die letzte, pardon, vorletzte Konsolen-Gen noch nett: PS2, Gamecube und im Prinzip in weiten Teilen noch die Xbox kennen diese Probleme kaum. Mario Party 4? Läuft heute noch. Ace Combat 5? Läuft heute. Panzer Dragoon Orta? Läuft ebenfalls!

Klar, gibt es nicht für nen Fünfer online, aber ich kann die Spiele sammeln, spielen, wie es die Entwickler vorgesehen haben und im Prinzip so lange darauf zugreifen, wie es der Datenträger hergibt. Den Begriff „Sicherheitskopie“ wird allerdings in den kommenden Jahren, auch im Zug vom Ausbau der Breitbandangeboten, weiter zunehmen. Was damit bedeutet:

Die Warez-Szene wird sich wie immer um die Langzeitarchivierung „kümmern“. Doch sollte das nicht eigentlich die Intension der Publisher sein? Warum gibt es Spiele wie The Reap nicht? Warum bekomme ich es nur als CD-Kauf und online wahrscheinlich nie?

Mir graut es davor, wenn ich daran denke, dass ich zig Spiele nicht mehr spielen kann, weil sich Anwälte nicht einigen können, wer nun was wie, wann, wo vertreiben darf. Da hilft es auch nicht, wenn man sagt: Es gibt ja zig Alternativen! Oder: War kein großer spielerischer Verlust! Oder: Dann spiele halt was Neues!

Das wäre dann eine Bankrott-Erklärung an das Retro-Gaming! Für meinen Teil ziehe ich Konsequenzen. DRM-free wird für mich persönlich weiter an Bedeutung gewinnen, genauso wie Indie-Gaming. Ich habe keine Lust darauf, in ein paar Jahren auf einen Bildschirm zu starren, der mir sagt: Pustekuchen. Diese Lizenz ist in deinem Land nicht mehr verfügbar. Zocken sie doch lieber das hier!

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Kategorien:Artikel, Videospiele
  1. Flat Eric
    14. Januar 2014 um 13:49

    Und weil wir gerade beim Thema sind:

    SimCity will get an offline mode in next patch„… *Kopfschüttel* Was waren das noch für Diskussionen über die „Berechnungen in der Cloud„, die es unmöglich machten, dass Spiel „offline“ zu spielen.

    iRights hat dann zum Launch einen netten Artikel online gestellt, der gut zusammenfasst, was beim Cloud-Gaming schiefgehen kann.

    Dann, im März 2013, erschienen die ersten Berichte, dass die Cloud-Berechnungen gar nicht notwendig seien. Und Dank eines Cracks ging das auch schon wenige Zeit später.

    Und jetzt das: Pustekuchen. Die mächtigen Berechnungen gehen wohl nun auch am heimischen Computer… Warum nicht gleich so?

  2. Flat Eric
    5. Januar 2014 um 18:58

    Das mit dem Erhalt verstehe ich auch nicht. Das will mir einfach nicht in den Kopf! Und passiert ständig, dass irgendwelche Entwickler sagen: „Quellcode? Keine Ahnung, den musste ich bei meinem Publisher abgeben und der hat den nicht mehr…“ ARGH! Wir haben es hier immerhin mit einem ultraportablen Medium zu tun, hier geht es nicht um den Zerfall von Filmmaterial zur Jahrhundertwende.

    Man muss privat kein Archivar sein, um wirklich alles für die Ewigkeit zu erhalten. Aber ich frage mich schon, wie ich mit dem Medium Videospiele umgehen will, wenn ich in 20 Jahren mal mein NES anwerfe und trotz Pusten und rütteln nichts mehr auf dem Schirm kommt. Und ob ich mich da auf den Nintendo-Shop verlassen kann?

    Und vor allen Dingen: Wie will ich in ein paar Jahren Comet Crash spielen will, dass ich damals mal aus dem PSN gesaugt habe? Oder Dead Nation? Was passiert, wenn diese nicht mehr auf die PS4 portiert werden, wenn die Server für die PS3 abgeschaltet werden? Wenn es keine DRM-free Portierung gibt, obwohl es faktisch keinen Schaden gäbe? Wenn der Quellcode im Datennirvana gelandet ist, weil Entwickler Pleite sind und die Publisher sich vor Gericht die Köpfe einschlagen?

    Wie komme ich denn eigentlich an den DLC von einem meiner Lieblingsraser, namentlich PGR4. Und das Game ist von 2007, der DLC ging nur bis Ende 2012!

    Das ist echt erschreckend. Keine Disc vom Content, wers nicht bis 2012 geholt hat: Pech! Und diese Zeiträume werden mit Sicherheit noch kürzer werden! Spiel von 2016, DLC 2017, 2018 bitte den Nachfolger kaufen. Oh. Gibt es nicht. Tja, Pech gehabt, wir benötigen unseren wichtigen Speicherplatz für andere Sachen… Und ihr Retro-Gamer bringt uns ja eh nix, ihr kauft ja zu wenig bei Release. Bämm. In your face.

  3. 5. Januar 2014 um 17:08

    Die Nachricht von Fallout/Order of War hab ich auch mit einem kleinen Schock aufgenommen, obwohl sowas ja (leider) gar nicht neu ist. Die Entwickler/Publisher behandeln ihr Erbe ja leider schon immer sehr stiefmütterlich, was ich kaum nachvollziehen kann. Wenn ich lesen muss, dass von manchen Klassikern keine neuen Versionen mehr veröffentlicht werden können, weil einfach der Quellcode nicht mehr zu finden ist, dann frage ich mich schon, was manche Entwickler eigentlich für ein Verhältnis zu ihren Werken haben. Wenn ich Jahre damit verbringe, mit Leidenschaft und viel Arbeit einen Titel zu entwickeln, wieso tue ich dann nicht alles, um ihn für die Nachwelt zu konservieren?

    Das Problem mit verschwindenden Spielen wird in der Zukunft vermutlich nur noch schlimmer werden (was passiert mit den XBLIG, wenn MS endgültig den Stecker der 360 zieht) und bislang scheint mir wirklich nur DRM-free eine Art Notlösung zu sein. Leider gibt es bei vielen kleineren Titeln halt das Problem, dass sie ohne den digitalen Distributionsweg gar nicht erst entwickelt worden wären und sich eine herkömmliche Ladenversion einfach nicht realisieren lässt. Bei den wirklich alten Titeln kommt außerdem noch dazu, dass die Datenträger ja irgendwann ihre Inhalte „vergessen“ (im Arcade-Bereich ist das ja bereits ein sehr reales Problem) und dann bleibt nur noch die Sicherheitskopie. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich darauf reagieren und meine Sammlung konservieren soll, aber irgendwas muss ich wohl tun.

    PS: Vielen Dank, dass du mich hier auch kurz erwähnt hast, das ist mir erst jetzt aufgefallen 🙂

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