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Replay: The History of Video Games (Buchrezension)


Das bisher umfassendste und beste Buch zum Thema Videospielgeschichte ist für mich „The Ultimate History of Video Games“ von Steven Kent. Allerdings ist der Titel bald 10 Jahre alt und es gibt durchaus auch andere Ansichten, wie sich die Geschichte vollzogen hat. „Historiker“ sind sich sowieso nie einig, wie was gelaufen ist. 😉

The Ultimate History. Das Buch war genial. Aber es konzentrierte sich mehr auf die anfängliche Entwicklung um Atari und den Videospielmarkt bis zum großen Crash 1983. Nach der Lektüre des Buches kam ich mir ziemlich anti-avantgarde vor. Irgendwie erschien mir die Entwicklung sehr viel älter als erwartet. Steven Kent erzählte seine Sicht der Dinge mit den Pioneeren von damals, von den Arcade-Zeiten, die für mich sowieso völlig suspekt waren (Danke Deutschland) bis hin zu den ersten Gehversuchen der Industrie – natürlich alles aus US-Sicht! Das deckte sich aber irgendwie nicht mit meinen eigenen Erfahrungen. Für mich waren Videospiele was völlig Neues, was aber natürlich damit erklärt werden kann, dass ich damals sehr jung war.

In meiner Erinnerung, die bis in das Jahr 1987 zurückreicht, waren Videospiele noch so neu, weil die „Erwachsenen“ zur damaligen Zeit gar keine eigenen Erfahrungen berichten konnten. Gespielt haben immer die Kinder und Jugendlichen, nie die Eltern.

Doch Replay: The History of Video Games hat mir jetzt gezeigt, dass die Ursprünge gar nicht so weit entfernt waren. Und das hat folgende Gründe…

Der Autor, Tristan Donovan, fängt natürlich auch bei Adam und Eva an – also Spacewar, Nolan Bushnell und Ralph „Bär“ Baer und die Pong-Clones. So weit, so gut, das kannte ich schon. Lesenswert auf alle Fälle, denn es gibt immer wieder den einen oder anderen „Zeitzeugen“ (Guideo Knop und sein Pseudo-Objektivismus lassen grüßen 😉 ), der die eine oder andere Anekdote zu der Zeit auf Lager hat.

Was dann aber nach den ersten Kapiteln kommt, ist wirklich ein Mehrwert gegenüber Steven Kents Videospielbibel: Donovan geht auch auf geschichtliche Zusammenhänge in anderen Ländern ein! Japan und Nintendo wird ein ganzes Kapitel gewidmet, die europäischen Länder der 80er Jahre wie Spanien, England, Italien, Frankreich und auch Deutschland werden angeschnitten und werfen gleich ein ganz anderes Bild auf die damalige Situation: Japan kam erst so richtig mit Taitos Space Invaders in Schwung und der europäische Markt nimmt eigentlich erst so richtig in den 80er Jahren Fahrt auf. England vielleicht ein wenig früher, auch deshalb, weil Clive Sinclair 1980 den ZX80 auf den Markt wirft. Aber so richtig ab geht es eigentlich erst nach dem Videospielcrash 1983 mit dem C64, dem Atari ST und dem Amiga.

Liest man Steven Kents Buch, meint man, in den 70er Jahren sei die ganze Industrie schon auf und davon gewesen. Das mag stimmen, gerade für den amerikanischen Markt. Die 70er mit den Pong-Clonen gab es bei uns einfach nicht in dem Maße. Erst Ataris 2600er Konsole ließ auch in Europa einen Markt entstehen, wobei Atari einen sehr starken amerikanischen Eifluß hatte. Aber die Beiträge und Interviews mit zahlreichen europäischen Entwicklern sind super interessant, weil diese Seite der Geschichte in Steven Kents Buch kaum Erwähnung fand. 1982 war Europa noch im Tiefschlaf. Das änderte sich bis 1987 merklich und ab 1990 habe ich noch viele eigene Erinnerungen aus den damals verbreiteten Zeitschriften. 1983 erschien die Zeitschrift Telematch und 1986 kam die ASM hinzu.

Europa hinkte den USA immer meilenweit hinterher. Das lag vielleicht daran, dass man kaum eigene Computer/Konsolen hatte. Weltweit gesehen, war es sowieso kaum der Rede wert. Aber wer in Europa in den 80ern aufgewachsen ist und C64 oder das NES seit 1988 kennt, der war schon nah am Ursprung der Geschichte. Viele Geschichten der 70er und der Arcadekult sind für uns in Deutschland sowieso kaum nachvollziehbar gewesen. Kents Sichtweise ist natürlich super interessant, ich habe sein Buch verschlungen, aber Donovan schafft es, wirklich Mehrwerte zu bieten.

Natürlich wird nicht jedes europäische Land mit einer eigenen Vita abgewickelt und die Reduzierung Deutschlands auf WiSims ist natürlich verkürzt dargestellt, wenn man bedenkt, dass Rainbow Arts schon 1984 gegründet wurde und ganz andere Spiele herstellte. Aber die Differenzierung, dass noch nicht die ganze Welt so weit war, wie in den USA, ist lesenswert. Somit wird die Entwicklung klarer, die Hintergründe sind weltweit gesehen detaillierter und auch die japanische Geschichte ich durchaus spannender in Szene gesetzt, als dies bei Kent der Fall ist.

Eine klare Kaufempfehlung für jeden, den die bisher kurze Geschichte interessiert und der mehr wissen will, als nur die amerikanischen Hintergründe!

Update 27. Mai 2011: Es paßt so wunderbar hier rein:

Chaosradio Express (CRE) – Folge 170: Arcade – Geschichte und Faszination der elektronischen Spielautomaten

Chaosradio Express (CRE) – Folge 89: Computerspiele – Ein Blick auf die Geschichte, den Markt und die Motivation der Akteure der Computerspiele-Szene

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Kategorien:Literatur, Videospiele
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